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Reise Kozí dráha

von vozmistr · 16. Januar 2020 · ·
Kategorien:
  1. Die Ziegenbahn - Ein Nachruf?

    02.08.2015
    Reisen
    „Riding the love train“ - um Missverständnisse über die Zustände an Bord meines heutigen Transportmittels auszuschließen, setze ich die abgewandelten Worte mal in eine neue Reihenfolge: „Lovin‘ the train ride“. Wegen hoher Temperaturen reicht meine Energie nicht für eine vollwertige Wandertour. Aber ein schöner Ausflug mit einem Erkundungsgang sollte drin liegen. So überquere ich in kurzer Autofahrt den Erzgebirgskamm und fahre ins tschechische Telnice (Tellnitz).

    Der Ort liegt an der 1871 eröffneten Duchcovsko-podmokelská dráha, auch Dux-Bodenbacher Eisenbahn (DBE). Sie führte einst auf etwa 80 km Länge entlang dem südlichen Erzgebirgsfuß vom heutigen Děčín bis nach Chomutov. Umverlegungen wegen des Braunkohleabbaus und Verkehrsrückgang setzten der Strecke zu. 2007 fuhr der letzte planmäßige Reisezug der ČD über die trať 132. Die umverlegte Strecke ist noch komplett vorhanden, wird aber heute nur auf kurzen Teilstrecken regulär befahren. Der etwa 22 km lange Abschnitt von Telnice nach Děčín ist an Ferienwochenenden und ausgewählten Terminen verkehrenden Sonderzügen vorbehalten. Als Besteller tritt der Magistrát města Děčín auf, das Weitere ist etwas kompliziert. Am heute eingesetzten Triebwagen, der der legendären ex ČSD-Reihe M262.1/ex ČD 831 entstammt, steht in der Fahrzeugnummer AHD (Rail system) als Einsteller angeschrieben. Ein Aufkleber am Fahrzeug und die Fahrkarte weisen die Severočeské dráhy als Anbieter aus, die Gesamtverantwortung soll jedoch wieder bei der Firma Rail system s.r.o. liegen, von der auch die Fahrpläne sind. Vermarktet wird das ganze unter dem Namen „Kozí dráha“ (Ziegenbahn).

    Dann wird es wieder einfach - pünktlich kommt das urige Gefährt am provisorischen Endpunkt der Strecke in Telnice an. Nach der Abfahrt wird der Fahrpreis kassiert, hin und zurück kosten 60 Kč, nach Tageskurs umgerechnet 2,22 € für 44 erlebnisreiche Bahnkilometer - einfach unschlagbar. In Deutschland würde dieser Umstand sofort einige jungdynamische BWLer auf den Plan rufen, die zu erklären versuchten, dass sich so etwas nie rechnen könne und damit sofort abgeschafft gehöre. Aber offenbar gibt es diese Leute in Tschechien nicht oder sie haben das funktionierende System Eisenbahn bereits von klein auf kennen und schätzen gelernt. Das Publikum des Zuges würde jedenfalls dafür sprechen, vor allem junge Familien oder Großeltern mit Enkeln bevölkern das Fahrzeug. Fast jede Sitzreihe ist mit Personen belegt, es ist jetzt nicht überfüllt aber die Nachfrage ist gut, kann man sagen. Es herrscht eine angenehm gelöste Stimmung, alles scheint so normal - man macht kleine Ausflüge, fährt zum Picknick oder zu Besuch und geht auf die Kinder ein, so wie ich es selbst von früher kenne. Könnte man nun in einen gleichartigen deutschen Museumszug blenden, gäbe es gestresste, dauertelefonierende Eltern mit renitentem, sich selbst überlassenem Nachwuchs oder das komplette Gegenteil, in Watte gepackte kleine Prinzen und Prinzessinnen zu sehen. Ein Gesprächsversuch würde von einigen gar als Angriff empfunden. Nicht so hier, trotz einiger Sprachschwierigkeiten ist man mittendrin, statt nur dabei! Einen Teil trägt auch die „Jugendbrigade“ dazu bei, die den Zug heute bewirtschaftet. Ein langer schlanker Triebfahrzeugführer und ein etwas untersetzter Schaffner bilden ein sympathisches Duo. Ein Bedarfshalt wird beinahe vergessen, da sich das mitfahrwillige Publikum im Schatten des alten Bahnhofsgebäudes aufgehalten hat. Kurzerhand wird nach der verspäteten Bremsung einfach die 50 m zurückgesetzt. Was auf einer regulären Bahnstrecke eine Rüge des Fahrdienstleiters eingebracht hätte, hat hier im Status einer vlečka (Anschlussbahn) keine Auswirkungen. Und weiter geht die Reise mit urtümlichem Eisenbahnfeeling - kein hermetisch abgeschotteter Innenraum mit spartanischer Möblierung, keine defekte Klimaanlage, keine verstopfte Vakuumtoilette, kein defekter Schiebetritt, keine nervig piepsenden Türen - so kann Bahnfahren auch sein…
    Ich stehe am offenen Fenster und genieße den sommerlichen Fahrtwind. An Bahnübergängen kommt das kräftige Drucklufthorn ausgiebig zum Einsatz, müssen doch die Benutzer davon überzeugt werden, dass manchmal doch noch ein Zug fährt. Immer abwärts fahrend, kommt der Zug ins Stadtgebiet von Děčín. Hier fährt er zunächst in den Güterbahnhof Děčín hl.n.-západ ein und macht Kopf. Das Signal führ die Weiterfahrt springt sofort auf einen Fahrtbegriff, aber wir warten noch. Natürlich, auch wenn es ein Güterbahnhof ist, braucht es einen Abfahrtsauftrag vom Bahnhofsvorstand, der über einen abgestellten Güterzug extra herübergeklettert kommt. Nun dürfen wir die letzten Meter vorbei am Bahnbetriebswerk bis in den Hauptbahnhof Děčín zurücklegen.

    Erkundungsgang
    Ich verlasse den Bahnhof und besuche den Aussichtspunkt Pastýřská stěna (Schäferwand). Kurzzeitig habe ich den Gedanken, vorbei am Restaurant dem Höhenzug auf dem rot markierten Wanderweg zu folgen und in Děčín-Oldřichov (Ullgersdorf) wieder in den Zug zu steigen. Da ich mir nicht sicher bin, dass auch tatsächlich gehalten wird (geplant ist es) und mir der Zeitansatz für den Weg nicht geläufig ist, lasse ich dies sein. Daher laufe ich wieder zum Bahnhof zurück. Dort habe ich doch noch etwas Zeit mich umzuschauen.

    Rückfahrt
    Im Fahrzeug Platz genommen, entdecke ich einige von der Hinfahrt bekannte Gesichter wieder. Erneut folgt das Kopfmachen im Güterbahnhof. Nach einem letzten Halt im Stadtgebiet von Děčín stürmen wir bergwärts. Ich lasse mir den Wind um die Nase wehen und schaue aus dem Fenster, der Triebfahrzeugführer auch. Er winkt mich nach vorn. Nach einer gestenreichen Rückversicherung mache ich mich auf den Weg durch das kleine Gepäckabteil in den Führerraum. Hier ist auch der Motor untergebracht. Unter einer Haube längs im Raum stehend, ist er mit einer von alten Frontlenker-Lastwagen bekannten Lederabdeckung umhüllt. Alles ist etwas beengt und es ist erstaunlich leise so direkt an der Maschine. Der Triebwagen mit dem Baujahr 1958 hat eine dieselelektrische Traktion und fährt daher butterweich - kein Vergleich zu den modernen Ruckelkisten mit hakelnden Automatikgetrieben und jaulenden Bremsretardern. Hier ist alles mechanisch, pneumatisch und elektrisch, daher mit einfachsten Mitteln reparabel und nahezu unkaputtbar. Die Zahl der Bedienelemente ist sehr überschaubar. Wir tauschen uns so gut es eben geht darüber aus. Mit dem Hinweis auf den großzügigen Fahrplan („Pause“) bekomme ich die Order, im nächsten Bahnhof eine Außenaufnahme anzufertigen. In den Augen der anderen Fahrgäste blockiere ich nun scheinbar die Weiterfahrt, aber alle sind entspannt und niemand beschwert sich. Nun bekommt noch eine junge Frau mit zwei Kindern Gelegenheit zum Besuch des Führerstandes. Ich bedanke mich beim freundlichen Personal und ziehe mich auf meinen Sitzplatz zurück. Kurz darauf geht eine herrliche Tour zu Ende - danke Kozí dráha, in meiner Erinnerung wirst du immer weiterleben!

    Ausblick
    Im Dezember 2015 wurde die Stecke aus technischen Gründen (angebliche Steinschlag-/Hangrutschgefahr) gesperrt. Mittlerweile haben alle Anliegergemeinden das Interesse an einer Bahnstrecke mit Ausflugsverkehr verloren und verhandeln mit SŽDC über den Bau eines Radweges. Bleibt darauf hinzuweisen, dass die vorgebrachten Gefahren für den Radweg offenbar keine Rolle mehr spielen!

    Neueste Entwicklung im Januar 2020: Die Firma KPT Rail bestellt für die diesjährige Sommersaison 376 eigenwirtschaftliche Zugfahrten an Wochenenden und Feiertagen zwischen Děčín und Oldřichov u Duchcova. Die Eisenbahnverwaltung SŽ (SŽDC heißt seit gestern neu so, dafür ist Geld da) plant jedoch keine Reparatur und Freigabe der Strecke, da der Bezirk keinen Verkehr bestellt habe. Der Bezirk verweist jedoch auf die Eigenverantwortung des Staates als Besitzer, spielt den Ball somit zurück. SŽ beziffert die angeblichen Reparaturkosten inkl. technischer Bahnübergangssicherung auf 100-150 Mio. Kronen. Kurios ist, dass die Züge in den letzten Betriebsjahren nur mit organisatorischer Bahnübergangssicherung verkehrten, da die vorhandenen technischen Sicherungsanlagen von den nunmehr unbesetzten Bahnhöfen nicht mehr angesteuert werden konnten. Insider halten daher eine Inbetriebsetzung für nur 5 Mio. Kronen realistisch. Mal sehen wie diese Posse ausgeht…


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    Bild 1: Telnice (Tellnitz), Bahnhof


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    Bild 2: Leichter Oberbaumangel


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    Bild 3: Einfahrender AHD (Rail system)-Triebwagenzug (ex ČSD-Reihe M262.1/ex ČD-Reihe 831)


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    Bild 4: Telnice


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    Bild 5: AHD-Triebwagen ex ČSD-Reihe M262.1/ex ČD-Reihe 831


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    Bild 6: Innenraum


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    Bild 7: Libouchec (Königswald), Bahnhof


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    Bild 8: Libouchec, Güterschuppen


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    Bild 9: Jílové u Děčína (Eulau), Bahnhof


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    Bild 10: Děčín hl.n.-západ, Güterbahnhof, der Vorsteher hat den Abfahrtsauftrag erteilt


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    Bild 11: Bahnbetriebswerk


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    Bild 12: Děčín hl.n., Hauptbahnhof


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    Bild 13: Ausblick von der Pastýřská stěna, Modellbahnzug nach Rumburk


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    Bild 14: Ausblick von der Pastýřská stěna, Personenzug Os 6607 nach Liberec (derselbe Zug wie am Wochenende zuvor in Lvová (Lämberg) fotografiert) auf der Elbbrücke Děčín


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    Bild 15: Policie ČR


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    Bild 16: Drei schöne Privatbahn-Schwestern (IDS Cargo-Gleichstromloks der Reihe 121, 2 x PL 1 x CZ)


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    Bild 17: Polnische Schwester (IDSC-Gleichstromlok der Reihe 121)


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    Bild 18: Vermietet (Loko Trans -> IDSC-Gleichstromlok der Reihe 140)


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    Bild 19: Großmutter, warum hast du so große Bullaugen?


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    Bild 20: Anzeigetafel für den Sonderzug


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    Bild 21: Führerstand des Triebwagens


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    Bild 22: Děčín's Hofdamen (Rangierloks der ČD-Reihen 799 und 704)


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    Bild 23: Privatbahndiesel (Unipetrol Reihe 753)


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    Bild 24: Děčín-Bynov (Bünauburg), Bahngebäude


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    Bild 25: Streckenblick


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    Bild 26: Streckenblick - Oh Kundschaft! - langsam einbremsen...


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    Bild 27: Libouchec, Sonderzug MOs 10082


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    Bild 28: Malé Chvojno (Klein Kahn), Bahnhof


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    Bild 29: Telnice - Abschied!


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    Bild 30: Fahrkarte
    eisersdorf, G12Reko, Janosch und 12 anderen gefällt das.

Kommentare

  1. TT-Poldij
    Die BR 140 in Bild 18 und 19 dürfte doch ehemals E499 sein oder täusche ich mich sehr? Danke für den Bilderbogen :)

    Poldij
      vozmistr gefällt das.
    1. vozmistr
      E499.0 das ist korrekt, in Bild 11 hat sich dann noch eine E499.1 versteckt...

      VG Holger
      TT-Poldij gefällt das.
  2. LiwiTT
    Die Tourbeschreibungen samt der guten Fotos finde nicht nur sehr schön, sondern anregend. Klasse!
      vozmistr gefällt das.
  3. hm-tt
    Ich stimme den Beobachtungen, die Du im Text wiedergeben konntest, voll zu. Ja, im gelobten Land geht es anders zu. Die Kinder beseelt, Frauen lächeln auch mal zurück. Und irgendwie funktioniert das noch mit der Eisenbahn...
      vozmistr gefällt das.
    1. vozmistr
      Zum gelobten Land würde ich es nicht hochstilisieren wollen, aber die Menschen scheinen mir irgendwie glücklicher - auch die die nur wenig haben. Und das mit der Eisenbahn beginnt mittlerweile langsam zu kippen - ich sage nur liberalisierter Personenverkehr (In Most kann man jetzt z. B. mit fünf verschiedenen Unternehmen anreisen...).
  4. hm-tt
    Aber Du sagst es. Die Menschen erscheinen glücklicher. Die Hunde bewegen sich auch entspannter, das Bier in den Kneipen kommt in 0,5ltr und recht schnell.
    Daher, das gelobte Land...
      FB. und vozmistr gefällt das.
  5. FB.
    Hallo miteinander
    schade das es nicht mehr bis Krupka geht- die fahrt mit der Seilbahn zum Mückentürmchen ist ein Erlebnis-das Essen und Bier dort oben ist auch sehr gut--ich sehe immer noch die Gesichter der Freunde aus Villingen als die Rechnung kam---
    ungläubiges Kopfschütteln--
    -gerade habe ich mal bei der VVO nach den touristischen Linien gesucht--da ist in 2020 ja nicht mehr viel-
    das suchen nach den Sonderfahrten gestaltet sich mit meinen rudimentären tschechisch Kenntnissen als schwierig.
    gruß FB.
      Rico gefällt das.
  6. vozmistr
    Die sind alle noch da:

    T1Kamenický motoráčekČeská Kamenice–Kamenický Šenov
    T2Brtnický cyklovlak Děčín hl.n.–Krásná Lípa–Mikulášovice dolní nádraží
    T3Zubrnický motoráček Ústí nad Labem-Střekov–Zubrnice
    T5Podřipský motoráček Libochovice–Roudnice nad Labem
    T6Doupovský motoráčekKadaň-Prunéřov–Podbořany
    T7 Chomutov–Vejprty (–Cranzahl)
    T8 Most–Osek město–Moldava v krušných horách

    Einzig aus der T4 Lovosice–Třebívlice–Most ist die täglich verkehrende U10 geworden.
    Die Züge auf den Strecken der Eisenbahnverwaltung findet man in den SŽ-Fahrplänen (https://www.szdc.cz/cestujici/jizdni-rad) eingearbeitet, die verstecken sich teilweise zwischen dem Regelverkehr.
    Die Privaten haben noch keine neuen Fahrpläne auf ihren Webseiten eingestellt und beim DÚK funktioniert die Fahrplanseite leider nicht.
      Rico gefällt das.
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