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Von Kleinklöten nach Großbommeln

Man staunt immer wieder, wie sehr ein bißchen Farbe den Gesamteindruck eines Modells verändert. Das trifft insbesondere auf die größten zusammenhängenden Flächen eines Gebäudes zu. Wie man sieht, ist das Dach des Pola-Stadthauses über Nacht errötet. Leider standen mir etliche Revell- und Humbrol-Lacke nicht zur Verfügung, die ich sonst zu diesem Zweck einsetze. Mattweiß war eingetrocknet, ich habe es durch Lichtgrau ersetzt, ebenso mattes Ziegelrot, an dessen Stelle Braun trat. Dunkelgrün war nutzbar, desgleichen ein Hellrot. Vom matten Sonnengelb gab es nur mehr bröselige Pigmente, die sich zum Glück durch Verdünner reaktivieren ließen und gerade so ausreichten. Zudem habe ich diesmal eine andere Technologie ausprobiert, das heißt, den frischen Farbauftrag nicht mit dem Lappen nachgewischt. Für all dies hat sogar ein einziger Rundpinsel genügt, billigste Sorte für Schulanfänger. Man nimmt halt, was der Konsum bietet.

Zum Schluß habe ich die Schornsteine etwas gealtert und dann mit kühnem Schwung die Ortgänge grundiert – der Klosterbruder hat mir so ruhig die Hand geführt, daß die Linien mit jeweils einem freihändigen Pinselstrich schnurgerade geworden sind.

Bin ich nun mit dem Ergebnis zufrieden? – An sich schon. Besser als das originale Grau sieht das Dach allemal aus. Eine Alterung halte ich momentan für nicht mehr nötig. Die Flächen changieren farblich genug und wirken auf mich hinreichend lebendig.

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@Kühn: Die Fenster kommen dort wieder rein. Aber sie müssen vorher saniert werden. Ich habe zwar die meisten Fenstereinsätze vom Ausgangsmodell lösen können, aber etliche waren beschädigt. Gar nicht lösen ließen sich alle vier Fenster im Obergeschoß zur Straße hin und die zwei verbliebenen im Obergeschoß auf der Hofseite. Da sie aber noch halbwegs ordentlich aussahen und für ein altes Haus glaubhaft wirken, habe ich sie drin gelassen.
 
@pandy1: Mir sind die Stufen eher zu niedrig, aber mehr Platz gab es bei der geringen Geschoßhöhe nicht dafür.

@Grischan: Danke für die Verlinkung, das ist genau meine Idee von Straßenzeile, an der ich mich bei meinen Bauten entlanghangele. Allerdings muß ich mich an die Großbommelner Bausatzung halten, die Traufhöhen bis maximal 7,0 Meter vorschreibt. Darum werden meine Häuser höchstens zweigeschossig. Lustig ist, daß auf dem einen Foto mittig ein Haus zu sehen ist, das Vorbild eines Modells sein könnte, für das ich erst gestern schon mal vorsorglich das Material zusammengesucht habe.
 
Eine gewisse Leidensfähigkeit ist von Vorteil, will man Modelle in Würde altern lassen. So auch bei Polas "Stadthaus mit Laden", dessen Anblick am Morgen danach einen Schrei des Entsetzens bewirkte: „Abgeranzt“ war noch das mildeste Urteil meines sauberkeitsversessenen Haushaltswunders. Nun, ganz abzustreiten war es nicht. Tatsächlich sollte die Hofseite weniger dunkel werden. Zu meiner Verteidigung sei erwähnt, daß erstmals Acrylfarbe auf Wasserbasis statt des lösungsmittebasierten Revell-Produkts zum Einsatz kam. Man muß sich erst daran gewöhnen, daß sie auf hellem Untergrund nachdunkelt. Sei’s drum, ändern will ich es nicht mehr, und je länger ich mein Werk betrachte, desto besser gefällt es mir.

Ferner habe ich in der Bastelnacht die vom Ausgangsmodell gelösten Fenstereinsätze neu verglast und aus den originalen Papierfetzen wieder intakte Gardinen zusammengepuzzelt. Das war mir wichtig aus mehreren Gründen: a) zum Erhalt eines einheitlichen Bildes, b) weil die Pola-Dekoration mir gut gefällt, c) um so viele Originalteile wie möglich am Modell zu belassen und d) aus purer Nostalgie: Man darf am Ende ruhig erkennen, welch historischen Ursprungs das Haus ist. Inzwischen mag ich sogar die Rolläden. Sie ersetzen momentan unbrauchbar gewordene Fenster. Ob dauerhaft, wird sich später zeigen.

Anschießend der Bildbeweis, daß die Straßenansicht durchaus nicht ungepflegt ist. Hiesiger Kommentar: „Wieder mal typisch: Vorne hui, hinten pfui!“ – Na ja, Sie kennen das.

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Nachdem ich hier gestern das Foto mit der Straßenansicht eingestellt hatte, stach mir plötzlich eine Unstimmigkeit ins Auge: Im Verhältnis zu den filigranen Fenstern im Erd- und Obergeschoß wirkten die in den Gauben erschreckend grobschlächtig. Es lag an den neu eingesetzten Mittelpfosten. Sie waren 0,5 mm breit, was ich beim Einbau schon als ziemlich dünn empfand, schließlich sollten sie noch hinreichend Klebefläche bieten. Die Mittelpfosten der Pola-Fenster erwiesen sich aber als sehr viel schmaler, so daß mir diese Diskrepanz zu augenfällig war – und das um so mehr, als ich sie verglast und mit Vorhängen versehen hatte.

Wie die Bilder zeigen, habe ich es nochmals überarbeitet. Zunächst habe ich die Pfosten in den Gauben mit Sekundenkleber verstärkt und danach vorsichtig dünner gefeilt, bis sie an das Maß der anderen Fenster angeglichen waren.

Daß sich der Anblick des Hauses verbessert hat, liegt aber auch daran, daß die Dachfenster endlich keine schwarzen Löcher mehr sind. Als Restarbeiten bleiben im wesentlichen noch die Verglasung der Ladenfront und die Anfertigung der Türen, und dann könnte das Haus seinen Platz auf der Anlage einnehmen.

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Am Morgen nach der Bastelnacht kam mir bei der Betrachtung meines Werkes spontan der Ausdruck „morbider Charme“ in den Sinn. Bei dem, was auf den Bildern zu sehen ist, handelt es sich um die gealterte Straßenansicht. Das bescheidene Ziel war es eigentlich nur, das Jürgen-Klopp-Weiß des Erdgeschosses abzumildern und den Restglanz der Auhagen-Platte zu beseitigen. Der erste Acryl-Anstrich war folglich auch mattweiß.

Anschließend wollte ich den scharfen Kontrast am Übergang zum Obergeschoß weichzeichnen und gab einen Tropfen Hellgrau ins Weiß. Das funktionierte soweit ganz gut, bis ich mit dem Pinsel versehentlich Richtung Erdgeschoß abgerutscht bin. Da sich der graue Fleck nicht mehr korrigieren ließ und ich den Effekt gar nicht übel fand, habe ich entschieden, aus der Not eine Tugend zu machen und die relativ rauhe Oberfläche mit dem inzwischen fast trockenen Pinsel zu granieren. Plötzlich erschien nun aber wieder das Obergeschoß zu einheitlich, also habe ich dort gleich weitergemacht, aber einen Tropfen Hellbraun beigemischt. Der hat die feuchtfleckigen Wände verursacht – aber ebenso die aus dem Einheitsgrau nun plastischer hervortretenden Gewände.

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Wow, perfekt!
Wenn‘s meins wäre, würde ich mich jetzt mit der gleichen Intensität über das Dach hermachen…
 
Das Erdgeschoss ist mit diesem (ungeplanten) Bearbeitungsschritt farblich echt gut geworden.
Und jedes Mal, wenn ich die Ladeneingangstür und das Schaufenster sehe, werden Erinnerungen an die Kinder- und Jugendzeit - und damit verbunden, an derartige, bekannte Geschäfte - wach und laden einen nahezu ein, draußen das Fahrrad abzustellen und hineinzutreten.
Zum Glück sieht man auch heutzutage hin und wieder solche Geschäfte, die entweder weitestgehend im Ursprungszustand erhalten geblieben oder, angelehnt an das ehemalige Aussehen, wieder restauriert worden sind.
 
@IVk: Das mit dem Ladengeschäft geht mir genauso, und das ist sicherlich einer der Gründe dafür, daß ich das Pola-Modell mit diesem Aufwand aufgehübscht habe. Es soll auch nicht das letzte dieser Art bleiben; solche Ladenfronten kamen ja nie als Einzelgänger daher, und in meinem Kopf schwirren noch die Bilder diverser kleiner Geschäfte aus Magdeburger Kindertagen und die Namen der privaten Inhaber herum, denen ich damit ein kleines Denkmal setzen kann.

Da gab es zum Beispiel das Fuhrgeschäft Heinrich Kraushaar, den Kurzwarenladen Franke, den Lebensmittelkrauter Schöbe (mit den Bonbonnieren auf dem Ladentisch, aus denen sich alle Kinder gratis an Lakritz, Toffees und Drops bedienen durften), meinen Lieblingsladen Winkel (Schreib- und Spielwaren und Modellbahnen!), die Fleischerei Sturm, den Uhrmacher Lutzenberger, den Bäcker Treksag (übliche Aussprache "Drecksack"), dazu einen Sattler und Schuhmacher, die Heißmangel und Weißwäscherei, dazwischen das berühmte Comanat-Haus ... Fast alles davon lag in einer schmalen Kopfsteinpflasterstraße von nicht mal hundert Metern Länge, und allesamt mußten sie 1990 weg, um per Abriß Platz zu machen für außerordentlich langweilige, piefige Reihenhäuschen mit 3 x 3 Meter großem "Vorgarten" samt knochenversteinertem PKW-Stellplatz. Ein schnarchiges Idyll, drei Straßenbahnsationen vom Zentrum einer Landeshauptstadt entfernt, wo einst in einem der dichtestbesiedelten Gebiete Europas das Leben brummte.

Aber bevor ich weiter ins Schwafeln gerate, folgt hier zu ungewöhnlicher Tageszeit als illustrativer Nachtrag ein direkter Vorher-nachher-Vergleich betreffend die Alterung der Fassade. Was immer man davon halten mag, ob man es schön oder häßlich findet: So steril wie vorher wirkt das Gebäude nicht mehr, und das war der Zweck der Übung.

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Meiner Meinung finde ich den Unterschied von >> vorher << zu >> nachher << am Beeindruckendsten, obwohl die finale Alterung noch nicht erfolgt ist.
Was schon allein die nach hinten versetzte Eingangstür für einen realistischen Eindruck hinterlässt…der Rest schließt sich daran an.
Chapeau!
Grüße Bernd
 
Eigentlich könnte es der Bürgerin Nabenfett ja egal sein – ist es aber nicht! Dieses ehrwürdige Haus macht schon einen etwas heruntergekommenen Eindruck. Um so aufregender findet sie gewisse Anzeichen, daß hier demnächst ein Geschäft einzieht. Ihrem Scharfsinn ist keineswegs entgangen, daß die stählerne Ladenfront über Nacht braun gestrichen wurde – und der Schaufensterrahmen gleich mit. Dann kann es nicht lange dauern, bis die große Scheibe eingesetzt wird. Welcher Händler sich da wohl eingemietet hat? – Im Kreisboten stand nichts, und zu ihrem Leidwesen kursieren in Großbommeln so wenige Gerüchte, daß sie diese häufig selbst in die Welt setzen muß, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Würde man sie fragen, zöge ein Fischladen ein, aber wer fragt schon Trude Nabenfett! Ob die leeren Kannen vor der Ladentüre auf ein Milchgeschäft hindeuten? – Verflixt, wie immer, wenn sie einen zum aushorchen braucht, läßt sich kein Aas blicken. Na gut, sie kommt später sowieso noch an der „Faulen Liese“ vorbei, vielleicht weiß ja die Hermine Brüning schon Genaueres.

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Aus aktuellem Anlaß seien dem Publikum zwei weitere Einwohnerinnen Großbommelns namentlich vorgestellt. Ernestine Drake ließ sich im Jahre 1900 als „Handelsfrau“ ins Adreßbuch eintragen. Inzwischen ist ihre Älteste, Magdalena Drake, als Schneiderin ins Familiengeschäft hineingewachsen. Spezialisiert sind die Frauen auf den Handel mit Tuchen aller Art sowie die Maßanfertigung von Vorhängen und Gardinen. „Wer im Kreise auf sich hält, nur Drake-Qualität bestellt!“, behauptet selbstbewußt ihr Inserat im Stedelebener Kreisboten.

Darauf vertraute auch die Dame des aus dem Mamos-Wohnhaus Nr. 3 entstandenen einstigen Bauernhauses. Dort wurden augenscheinlich die Fenster saniert und gestrichen, und getreu dem Satz „Ein jeder Wunsch, sobald erfüllt, kriegt augenblicklich Junge“ mußten sogleich Gardinen und Vorhänge her. Der Gatte hätte das Geld lieber beim Dachklempner für dringend benötigte Fallrohre ausgegeben, aber auf der Kasse hat nun mal leider sie die Hand.

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Tja, ich hätte ja gerne das aktuelle Angebot im Stedelebener Kreisboten nachgelesen und dort ggf. u.U. Gardinen bestellt,
nur weder in der Jahreschronik 2025 noch in der Chronik von 2026 ist obrige Anzeige zu finden.
Bis in welches Jahr sollte denn der geneigte Leser zurückblicken um die Anzeige zu findne?
 
@Osthesse: Da ist wohl der Anzeigenteil des Kreisboten nicht archiviert worden. Fakt ist jedenfalls, daß man in Großbommeln global denkt und lokal handelt, sprich: auf in der Nähe vorhandene Ressourcen zurückgreift, statt sinnlos die Modellbahnhaie oder die Druckerpatronenmafia zu füttern. Das gilt auch für die Verglasung von Fenstern und deren Ausstattung mit Vorhägen und Gardinen.

Dazu habe ich mir eine eigene Methode ausgedacht. Als Basis dient Prenaband. Die Gardinen und Vorhänge werden in Rechtecke geschnitten, die dem Format der Fenstereinsätze samt Klebefalz entsprechen. Die bedruckte Seite kommt aufs Glasband, welches dann ums Motiv herumgeschlagen, zusammengedrückt und ringsum imGesamtformat des Fenstereinsatzes becshnitten wird. Die so entstandene Folientasche läßt sich danach mit Kontaktkleber gut hinter die Einsätze kleben.

Die „Dekostoffe“ fand ich übrigens im aktuellen Bader-Katalog, dessen arglistiger Zweck vermutlich darin besteht, noch lebende Menschen durch Kleidung und Wohnungseinrichtung frühvergreisen zu lassen. In besagter Drucksache umfaßt das Dekostoff-Angebot satte 40 Seiten, man hat also reichlich Auswahl. Nur sollte man darauf achten, daß sich auf der Rückseite der gewählten Gardine keine Schrift befindet. Es sei denn, daß das betreffende Fenster nicht beleuchtet werden soll. In diesem Fall lege ich in die "Deko-Tasche" rückseitig ein Stück Scherenschnittpapier mit ein.

So, und damit darf ich mich für heute empfehlen; es liegt noch unerledigte Arbeit für eine Nacht auf dem Basteltisch.
 
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