Ziegelmauerwerk kann eine ganze Menge Druck aushalten - so ein bischen Wohnhaus bringt doch kaum Lasten.
Wie kommst du da drauf? Nicht nur das Gebäude als solches muss viel an Gewicht aushalten. Überlege mal, was ein Dach wiegt oder noch besser: stelle es dir mit einem Meter Schnee drauf vor. Dazu denke an die dynamischen Lasten, welche durch ständige Erschütterungen entstehen. Warum sind an viel befahrenen Ortsdurchfahrten alle alten Häuser gerissen, vom Keller bis zum Giebel?
Denkt mal an die alten Kirchen, oder an die Göltzschtalbrücke
Als die Göltzschtalbrücke gebaut wurde, war die Belastbarkeit einer Ziegelkonstruktion dieser Größe noch völlig unbekannt. Das beweist allein der Fakt, dass diese Brücke viel zu solide und zu teuer ausgeführt wurde. Als man im Laufe der Bauarbeiten an dieser Brücke erkennen musste, dass man im Tal keinen festen Grund in vertretbare Tiefe würden finden können, erst da kam man auf die Idee, die Spannweite des mittleren Bogens zu verdoppeln. Man hätte diese Bauform auch bei den übrigen Bögen anwenden können und hätte sich somit jeden zweiten Pfeiler und Unmassen an Ziegel gespart. Die Göltzschtalbrücke kopiert lediglich die Bauweise römischer Aquädukte und somit eine Bauweise, die 2000 Jahre alt war. Mit der Brücke erreichte man also nicht weiter als das Niveau der alten Römer. So beeindruckend das Bauwerk sein mag, aber zeigemäße Brücken waren aus Stahl.
Im Jahr, in dem die Göltzschtalbrücke vollendet wurde, eröffnete Robert Stephenson bei Bangor in Wales die Britannia-Eisenbahnbrücke und drei Jahrer früher die baugleiche Brücke in Conwy. Diese Röhrenbrücken aus Stahl hatten Hauptspannweiten von bis zu 140 m. Das übertraf die Backsteinbrücke um das vierfache, kosteten aber nur einen Bruchteil. Zudem war die Britannia-Brücke nicht im Inland angebracht, sie überbrückte einen tosenden Meeresarm.
Nur vier Jahre später wurden mit der 250 m weit gespannten doppelstöckigen Hängebrücke für Eisenbahn und Straßenverkehr über den Niagara ganz neue Maßstäbe gesetzt. Das war moderne Architektur, die noch gar lange brauchte, um in Sachsen anzukommen.
Die romanischen Kirchen sind ähnlich solide ausgeführt. Gothische Kirchen hingegen leiten geschickt den Druck, der auf den Mauern lastet, nach unten um. Besuch mal Erfurt, dann erkläre ich es dir am Dom. Die daneben stehende Severinkirche ist dagegen noch romanisch (ok, war die Übergangszeit).
@gruber
Ein Baustil endet nicht mit einer Jahreszahl, er endet, wenn der letzte Baumeister etwas anderes baut. Manche Stile kamen in manchen Gegenden halt etwas später an. Die Römer bauten zwischen 98 bis 105 n. Chr. eine Steinbrücke in Alcántara, die Mauren zerstörten auf ihrem Rückzug aus Spanien einen der kleineren Bögen der Brücke im Jahre 1213 - trotz Vorlage in Form der erhaltenen Bögen dauerte es 330 Jahre bis ein Christ dazu in der Lage war, diesen Bogen wieder zu schließen. Erst 1543 war man wieder dazu in Lage eine Brücke zu reparieren, die anderhalb Jahrtausende vorher von den Römern gebaut wurde und man musste nicht mal die Hauptspannweiten erneuern. Als 1707 erneut ein Bogen in einem Krieg zerstört wurde, brauchte es wieder 70 Jahre, bis das jemand reparieren konnte. In der Architektur kann Wissen auch verloren gehen oder regional erst später ankommen. Als die Franzosen längst gothische Kathedralen bauten, begann im Osten gerade erst der Siegeszug der romanischen Backsteinkirchen.